Andere Länder andere Sitten sagt man. Mallorca – für viele ein Sehnsuchtsort voller Sonne, Tapas und mediterraner Leichtigkeit. Für mich war es zwar eine geplante Reise, aber auch ein spannender Perspektivwechsel: Wie tickt der stationäre Einzelhandel auf dieser Insel? Welche Unterschiede gibt es zu Deutschland? Und vor allem – was könnten wir uns davon abschauen?
Nach 20 Jahren in operativer Funktion im deutschen Einzelhandel, also tief verankert in Themen wie Store-Optimierung, Filialorganisation und Flächenkonzepte, schaue ich naturgemäß nicht nur auf die Auslage, sondern auch auf die Mechanik dahinter. Mallorca war dabei eine kleine Feldstudie im Sonnenschein – ohne wissenschaftlichen Anspruch, aber mit geschärftem Blick.
Rechtsläufer? Fehlanzeige!
Eine meiner ersten Beobachtungen: Der mallorquinische Einzelhändler macht sich augenscheinlich wohl weniger Gedanken darüber, ob der Kunde ein klassischer „Rechtsläufer“ ist – also ob er sich im Laden automatisch nach rechts orientiert. Dieses Prinzip gilt in Deutschland fast schon als Gesetz, wenn es um Laufwege geht. Auf Mallorca hingegen folgt der Kunde eher seiner Intuition – oder noch besser: seinem Gefühl.
Es gibt kein „Window Follow-up“, keine besonderen Aktionen wie „Artikel der Woche“, selten einen Farbverlauf, geschweige denn einen Visual Merchandiser keine Promo Areas oder unter uns gesagt auch keinen besonders erwähnenswerten Kundenservice. Eigentlich standen außerdem die Vorzeichen bei fast 40 Grad Außentemperatur sogar ehr schlecht einzukaufen und trotzdem ist es passiert. Obwohl ich nicht behaupten würde, dass die Mode besonders fashy war, die Tasche besonders hochwertig oder das vermeidliche Schnäppchen besonders gut.
Räume mit Charakter statt Standardisierung
Es geht weniger um sterile Perfektion und mehr um individuelle Atmosphäre. Jeder Raum, jede Ecke hat ihre eigene Identität. Das erzeugt ein Gefühl von Entdeckung, fast wie ein kleiner Bummel durch eine Marktgasse, auch wenn man in einem ganz normalen Laden steht.
Im deutschen Handel ist das oft anders. Da herrscht gern das Prinzip der Wiedererkennbarkeit, der standardisierten Flächenplanung: Jedes Regal an seinem Platz, jede Kategorie dort, wo man sie erwartet. Effizienz und Orientierung sind hier Trumpf. Auf Mallorca hingegen spürt man, dass Emotionalität und Erlebnis stärker zählen.
Bargeld war gestern
Und dann ein Detail, das ich hervorheben muss: die Bezahlmöglichkeiten. Selbst in kleinen Läden ist die EC-Kartenzahlung (oder per Kreditkarte) selbstverständlich. Es wirkt fast so, als hätten die Händler den Schritt zur bargeldlosen Selbstverständlichkeit schon längst vollzogen – ganz ohne Diskussion. Ein Punkt, bei dem der deutsche Einzelhandel noch immer zögert und der auf Mallorca einfach funktioniert.
Was bleibt hängen?
Für mich persönlich war diese Reise eine erfrischende Erinnerung daran, dass Einzelhandel weit mehr ist als nur Sortiment und Quadratmeter. Es ist Inszenierung, Atmosphäre, Mut zur Individualität – und manchmal auch die Bereitschaft, alte Gewohnheiten loszulassen.
Mallorca hat mir gezeigt: Es muss nicht immer der perfekte Laufweg sein. Entscheidend ist, dass der Kunde inspiriert wird, dass er ein Erlebnis hat – und dass er mit einem Lächeln den Laden verlässt. Nur so kann ich mir auch nur persönlich erklären, dass ich ca. ein Viertel meiner Gesamtausgaben für diesen Urlaub in den Einzelhandel investiert habe.
Also Adios, Daniel
von Daniel Meeßen