Wenn die familiäre Unternehmensgeschichte bis ins Jahr 1756 (!), das Geburtsjahr von Wolfgang Amadeus Mozart, zurückreicht, wenn, wie im vorvergangenen Jahr geschehen, die achte an die neunte Generation übergibt, darf man da überhaupt von einem Plan B träumen oder ist die Erwartung, das familiäre Erbe zu übernehmen, so groß, dass eigentlich gar nichts anderes denkbar ist? Bei Marie Osthues, die den Juwelier J.C. Osthues am Prinzipalmarkt in Münster im Frühjahr 2024 von ihrem Vater Nico übernommen hat, gab es durchaus Alternativen. Nach dem Abitur im Jahr 2010 studierte die 34-Jährige zunächst Friedens- und Konfliktforschung in Enschede und Magdeburg, ehe sie 2015 die Entscheidung traf, ins elterliche Unternehmen einzusteigen.  „Es war eine bewusste, sehr emanzipierte Entscheidung“, erzählt Marie Osthues im Gespräch mit NRW handelt. Sie schätze heute insbesondere die Freiheit, unternehmerische Entscheidungen verantwortlich treffen zu können.

Dem ging ein beinahe neun Jahre dauernder permanenter Übergabeprozess voraus, der von vielen Marktbeobachtern als beispielhaft und richtungsweisend gesehen wird. „Mit einem Studium der Politikwissenschaft alleine kann ich natürlich kein Unternehmen führen“, sagt Osthues. Sie studierte fortan Betriebswirtschaft in Münster, ließ sich in Idar-Oberstein, dem Hotspot der internationalen Edelsteinwelt, bei der Deutschen Gemmologischen Gesellschaft als Edelstein-Gutachterin (Gemmologin) ausbilden, sammelte Praxiserfahrung u.a. bei „Wempe“ in Düsseldorf. Osthues: „Die Ausbildung in Idar-Oberstein hat mir das notwendige Selbstbewusstsein gegeben, meine Rolle als Unternehmerin und vor allem auch als Fachfrau glaubwürdig wie authentisch auszufüllen. Heute weiß ich, wovon ich spreche, wenn ich über Steine rede und mich auf unsere Kernkompetenz konzentrieren kann.“

Vertrauen, das auf Expertise basiert

Und weiter: „Für mich ist es Grundvoraussetzung und Verpflichtung, Steine nicht nur zu handeln, sondern sie ganzheitlich zu verstehen, also ihre Entstehung, die physikalischen Eigenschaften und Besonderheiten.“ Osthues, die von ihrem Vater Nico frühzeitig und transparent auf Messen und bei Lieferanten die „Lust und Last des Unternehmertums“ vermittelt bekam: „Das Vertrauen unserer Kundinnen und Kunden basiert auf unserer Expertise. Diese kann ich aber nur vermitteln, wenn ich mein Handwerk mit all seinen Facetten und auch in der Tiefe beherrsche.“ Der Juwelier J.C. Osthues ist nicht nur der älteste familiengeführte   Juwelier in Deutschland, sondern seit jeher der „Haute Joaillerie“ verpflichtet. „Haute Joaillerie“, die hohe Juwelierskunst mit außergewöhnlichen Steinen, mutigem Design und dem Anspruch an Einzigartigkeit, die wahren Luxus verkörpert, ist unsere große Leidenschaft“, heißt es auf der Website. Und: „Wir nennen es Lust auf Leidenschaft und Luxus.“

Tradition bewahren, Neues entwickeln

Nico Osthues hat sich 2024 nach fast vier Jahrzehnten aus dem Juweliergeschäft verabschiedet und die Verantwortung voller Vertrauen an seine Tochter übergeben. Unter ihrer Leitung haben die hohe Qualität, der exzellente Service sowie die Betreuung der Kunden weiterhin oberste Priorität. Und auch die Begeisterung für die Haute Joaillerie, individuelle Schmuckstücke sowie außergewöhnliche Unikate stehen mit dem Inhaberwechsel weiterhin im Mittelpunkt. Hat sich mit der geglückten und Schritt für Schritt geplanten Generationen – wie Unternehmensübergabe – erstmals steht eine Frau an der Unternehmensspitze mit seinen zwölf Mitarbeitenden in Verkauf, Werkstatt und Büro – eine neue Handschrift entwickelt?  Tradition bewahren, Neues entwickeln sei ihre Maxime, so Osthues. Bedeutet: „Die langjährige Familientradition mit eigener Handschrift, spannenden Ideen und wertvollem Wissen weiterentwickeln.“

Dazu zählen mitunter Kleinigkeiten: Nach der Ausbildung hat Marie Osthues ihr ganz eigenes gemmologisches Labor im Haus Osthues neu aufgesetzt. „Das alte Refraktometer meines Vaters habe ich ersetzt und ein Mikroskop nach meinen Bedürfnissen angeschafft.  Die häufige Frage, ob ein Stein echt sei, kann ich beantworten. Mal auf den ersten Blick, mal nach tiefer Analyse. Manchmal bin ich sofort sicher, manchmal kehre ich gedanklich zurück nach Idar-Oberstein und arbeite mich durch das gesamte erlernte Repertoire. Ich liebe das. Es ist Konzentration, es ist Handwerk – und es ist mein Beitrag zur Integrität unseres Hauses.“ So hat sie es in einem Interview mit dem Ausbildungszentrum der Deutschen Gemmologischen Gesellschaft zu dessen 50-jährigen Bestehen gerade erst beantwortet.

Mit der Lust auf Leidenschaft & Luxus

Zurück zur sprichwörtlich „ausgezeichneten“ Übergabe im Frühjahr 2024, die über Jahre hinweg vorbereitet und eng zwischen Vater und Tochter abgestimmt wurde. „Mein Vater wollte es besser machen, als er es selbst bei der Übergabe an ihn von der siebten an die achte Generation erlebt hat“, erzählt Osthues. Zwei Jahre lang, von 2022 bis Anfang 2024 führten Vater und Tochter das Unternehmen gemein- sam, entwickelten tragfähige Lösungen für die Zukunft. Der Weg zum Stichtag der Unternehmensübergabe war lange geplant. Marie Osthues: „Ich hatte den Anspruch, fachlich mithalten und Zeichen setzen zu können. Und ich wollte mir in Bezug auf das Thema ‚Führung, einen Handwerkskasten mit vielen Tools aneignen.“ Neben gängigen Ratschlägen, wie rechtzeitig an die Übergabe zu denken, einen festen Termin zu setzen (konkret der 65. Geburtstag des Vaters), profitierte Marie Osthues auch von den Erfahrungen, die sie in anderen Unternehmen gemacht hat, um sich auf ihre „Rolle“ vorzubereiten.

Auch mit neuen Wegen (wie einer durchdachten Omnichannel-Strategie) oder betriebswirtschaftlichen Fragen setzte sich die junge Unternehmerin auseinander.  Ihr Fazit: „Die Übergabe eines Familienunternehmens erfordert Zeit, Vertrauen und eine gute Vorbereitung. Es lohnt sich für alle Beteiligten, diesen Prozess frühzeitig zu beginnen und bewusst zu gestalten.“ Wie die Generationen vor ihr wird auch Marie Osthues das Unternehmen mit ihrer ureigenen Handschrift prägen, neue Akzente setzen, etwa mit Themen wie Nachhaltigkeit oder digitalen Services. Wobei das (stationäre) Verkaufserlebnis – die Kundinnen und Kunden kommen aus Münster, aus dem Emsland, dem Rheinland, auch aus den Niederlanden – immer im Vordergrund stehen wird. Osthues: „Empathie und Expertise schlagen jeden Algorithmus!“

Haltung zeigen!

Den Fokus auf der Haute Joaillerie und individuell gestalteten Unikaten sowie den großen Stellenwert der persönlichen Beratung wird Marie Osthues beibehalten. Auch das stabile Fundament an Werten bleibt unter ihrer Führung wie ein Fels in der Brandung: Ein hoher Qualitätsanspruch und klassische Kaufmannstugenden wie Seriosität und Verlässlichkeit sind fest mit dem Familienunternehmen verknüpft. Dazu zählt auch, Haltung zu bewahren und zu zeigen. Marie Osthues: „Haltung wirkt. Sie weckt auf, stärkt und verbindet. Haltung zeigt klare Kante, bewahrt und verändert, kreiert Individualität.“ Mehr noch: „Sie ist die wichtigste Basis unserer Demokratie und kann sogar Frieden stiften.“ Da ist Münster bekanntlich Vorbild. „Wenn wir über Haltung sprechen, tun wir das aus vollster Überzeugung und auf Basis unserer gelebten Werte. Wir schätzen das Miteinander mit unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, unseren Kundinnen und Kunden, mit unseren Lieferanten und Kooperationspartnern, mit unseren Nachbarn am Prinzipalmarkt, die unsere Arbeit Tag für Tag beflügeln und prägen.“

Das liest sich wie eine Präambel, ist aber das stabile Fundament der Osthues’schen Unternehmenskultur, die alltäglich mit Leben gefüllt wird. Zum Thema Haltung zählt auch der Teamspirit („Wir sind ein Team!“) wie der Mut, die Kraft und das Vertrauen, die Zukunft zu gestalten. Apropos Zukunft: Anfang April kündigt sich bei Marie Osthues und ihrem Partner die 10. Generation der Familie an. Grund genug für Nico Osthues, noch einmal für einige Wochen als 8. Generation unterstützend für die 9. Generation ins Geschäft zurückzukehren. So funktioniert Familienunternehmen!

von Matthias M. Machan

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