Ist es denkbar, dass dem Nahversorgungstag NRW eines Tages die Themen ausgehen werden, insbesondere dann, wenn das Top-Thema der vergangenen Jahre, die Sicherung der Nahversorgung im Einzelhandel mit Blick auf die Paragrafen 11 (3) BauNVO und vor allem auf den LEP NRW sowie den Updates zur 3. LEP-Änderung, endgültig vom Tisch sind? Sicher nicht, denn neben den „Schwarzbrot“- und Spezialisten-Themen zum Planungsrecht stehen jedes Jahr zwei weitere fundierte Themenblöcke mit reichlich Mehrwert zur Planungspraxis und Insights von Bestsellern wie gesellschaftlichen/technologischen Vorreitern der Branche auf der Agenda. „Für Sie ist das Format des Nahversorgungstages inzwischen eine echte Marke“, begrüßte WDR-Reporter Kay Bandermann als Moderator des 13. NRW-Nahversorgungstages die Gäste am 25. Februar 2026 in der Rohrmeisterei in Schwerte.

Und wieder konnte das Erfolgs-Veranstaltungsformat des Handelsverbandes NRW (HV NRW) in Zusammenarbeit mit dem Handelsverband NRW Westfalen-Münsterland (HV WM) ein ausverkauftes Haus inklusive Warteliste vermelden. „Das ist für uns Verpflichtung, Ihnen gute Qualität, Verlässlichkeit, Sicherheit, aber auch Veränderungsbereitschaft zu bieten“, so Bandermann.

„Jeder perfekt geplante Standort kann in der Praxis scheitern.“

Für die rund 250 Gäste – gekommen waren vor allem Stadtplaner, Architekten, Wirtschaftsförderer, Expansionsmanager der LEH-Handelsketten und Akteure der Nahversorgung – hatten die

Schwerte, 25.02.2026, Rohrmeisterei, 13. NRW-Nahversorgungstag HV NRW | F o t o : V o l k e r W i c i o k

beiden Gastgeber auf der Bühne, HV NRW- Geschäftsführer Rainer Gallus und Kirsten Geisler (Referentin beim HV WM) mit ihrem Team, ein abwechslungsreiches Kongressprogramm auf die Beine gestellt, das den thematischen Bogen von organisatorischen wie rechtlichen Rahmenbedingungen bis hin zu konkreten Beispielen der Nahversorgung abdeckte. Bestes Beispiel für Letzteres bot einmal mehr Sandra Baethge (IWD market research GmbH) mit einem Standort-Realitätscheck. Baethge zeigte anhand von zwei Beispielen das Nicht-Gelingen von Filialkonzepten auf, obwohl die vermeintlichen äußeren Rahmenbedingungen eigentlich bestens waren. Ihre Schlussfolgerung: „Jeder perfekt geplante Standort kann in der Praxis scheitern“, so Baethge.

Perfekt geplant? Der Kunde sah es bei der Abstimmung mit den Füßen und mit Blick auf den Kassenbon offenbar anders. Auch wenn auf dem Papier in der Planung alles stimme (Lage, Größe, Parkplatz, One-Stop-Shopping, ÖPNV-Anbindung), kann es im Alltagsgeschäft sein, dass die Frequenz geringer ausfalle als erwartet, die Kunden unterdurchschnittliche Bons generieren und ein Standort sein Potenzial nicht ausschöpfe. Im konkreten Fall war der Ratschlag, bei der Nachsteuerung nicht mit dem Sortiment, sondern mit dem Umfeld des Supermarktes, insbesondere mit Blick auf Sicherheit (mehr Licht!) und Sauberkeit, anzufangen. Zudem zog die Verkaufsstätte vor allem ein junges „Snack & Go“-Publikum (und nicht das für den Wochen-Einkauf) an. Der Ratschlag der Expertin: Atmosphäre im Ladengeschäft schaffen, um die Verweildauer zu erhöhen – und das Sortiment entsprechend anpassen. Und: „Kämpfen Sie nicht um jeden Kunden. Kämpfen Sie um die richtigen Kunden!“

Mixed-Use? Rentabel vor allem in Großstädten

Nicht minder aufschlussreich der Vortrag von Jörg Lehnerdt (BBE Handelsberatung GmbH) zum Thema „Mixed-Use für Nahversorgung: Wo funktioniert´s, wo nicht?“ Seine Botschaft zum Wohnen über dem Supermarkt, untermauert mit Erfolgsbeispielen (Penny in Köln nahe Universität/Südbahnhof, Deiker Höfe in Düsseldorf) aus NRW: „Mixed-Use ist ökonomisch ein Großstadt-Thema mit hoher Bevölkerungsdichte und Flächenproduktivität.“ Städtebaulich (Flächeneffizienz, kurze Wege, Belebung außerhalb der Öffnungszeiten), ökonomisch (Risikostreuung, Synergieeffekte) und sozial (multifunktionale Quartiere) könne Mixed-Use eine Reihe von Vorteilen bieten, auch wenn dem Nutzungskonflikte (insbesondere Lärm durch Anlieferung) und komplexe Genehmigungsverfahren (Baurecht, Brandschutz, Logistik) entgegenstehen könnten. Auf dem Land sei das Thema indes aufgrund fehlender Rentabilität kein Thema.

Und ein Lieblingsthema des Handels sei es zudem auch eher nicht. Denn die Interessen der Kommunen (bezahlbares Wohnen, flächendeckende Nahversorgung) wie der Lebensmitteleinzelhändler und Projektentwickler (Flächenproduktivität, Mindestrenditen) seien letztlich nicht deckungsgleich. Daran ändert auch nicht der Appell von Bundesbauministerin Verena Hubertz und vieler Bürgermeister in Mittelstädten, das Potential von Supermarktdächern für den Wohnungsbau zu nutzen. Denn: Einfache Aufstockungen bei bestehenden Flachbauten seien statisch oft unmöglich, ein kompletter Neubau häufig wirtschaftlicher. Letztlich hänge die Rentabilität entscheidend vom Mietniveau und den Grundstückskosten ab.

LEP NRW: Nahversorgung regulativ aus der Ausnahmeecke holen

Begonnen hatte der Tag mit Aspekten zum Planungsrecht, insbesondere einem detaillierten Blick auf die landesplanerische Einzelhandelssteuerung (LEP NRW) und etwaige kommunale Spielräume für neue Wege in der Nahversorgungsplanung. Der Wunsch von Rainer Gallus: „Die Nahversorgungsplanung aus der Ecke der Ausnahmen holen.“ Denn die bisherige Formulierung der Regelungen führe oftmals zu restriktiver Auslegung und erschwere die Anwendung. Der Wunsch aller Referenten und Beteiligten: eine positive, klar formulierte Regelung, die sowohl den Schutz zentraler Versorgungsbereiche als auch die Weiterentwicklung der flächendeckenden Nahversorgung in integrierten Lagen als gewollte planerische Zielsetzung betont. Dr. Roland Schmidt-Bleker (Taylor Wessing Partnerschaftsgesellschaft) arbeitete sich in seinem Vortrag „Zwischen LEP und Lokalbedarf: Kommunale Spielräume in der Nahversorgungsplanung“ genau an diesen Themen ab.

Die Einzelhandelssteuerung sei kompliziert geworden, und so richtig viel habe sich weder auf Landes- noch auf Bundesebene geändert. Fakt ist: „Um eine neue Einkaufsatmosphäre, beispielsweise mit niedrigeren Regalen und breiteren Gängen zu schaffen, braucht es Fläche.“ Unstrittig ist der LEP NRW derzeit weiterhin im Schwebezustand. Mathias Tetzlaff und Andreas Schuder (Stadt + Handel GmbH) gaben zahlreiche Impulse und Ratschläge „zwischen etablierten Prüfroutinen und neuen Wegen in der Nahversorgungspraxis“. Was es brauche, sei Klarheit und Einfachheit. Ihr Credo: „Nahversorgung ist eher ein Privileg und keine reine Ausnahme.“

„So nah an Star Trek wie es geht…“

Die Welt verändert sich rasant, und mit ihr verändern sich die Rahmenbedingungen für die Nahversorgung. In einer Zeit, in der die Digitalisierung, der Online-Handel und Lieferdienste florieren, muss auch die Landesplanung im Bereich der Nahversorgung angepasst werden, um mit den neuen Möglichkeiten Schritt halten zu können. Und so ist auch das ein Fazit des Nahversorgungstages: Es gibt keine Einheitslösung für die Nahversorgung. Vielmehr müssen maßgeschneiderte Ansätze entwickelt werden, die den spezifischen Bedürfnissen und Gegebenheiten der ländlichen wie der städtischen Räume gerecht werden.

Auch der Blick nach „morgen“ gehört zur DNA des Nahversorgungstages: Über den Einsatz und praktische Anwendungen von KI im Lebensmitteleinzelhandel referierte Prof. Christian Janiesch von der TU Dortmund. Der Abschluss gehörte

Anna-Silja Speckmann (Rewe) und Nikolas Bullwinkel (Circus SE): Bei Rewe kocht jetzt der Roboter – eine ganz neue Facette der Nahversorgung und damit „so nah an Star Trek, wie es geht“, so Bullwinkel. „Der Supermarkt wird damit zur verlängerten Küche“, ergänzte Speckmann. Das sei mit echtem Erlebnis bereichertes Einkaufen. Das passte zum Anspruch der Veranstaltung: sich ständig weiterzuentwickeln.

von Matthias M. Machan

Artikel als PDF downloaden