Fachkräftemangel, Kaufzurückhaltung, Mindestlohn-Problematiken, ungerechte Energiekostenverteilung, Bürokratie-Lasten: Die „Klassiker“-Themen früherer Jahresempfänge des NRW-Einzelhandels standen bei der 2026er Auflage im Düsseldorfer Hyatt Hotel am 24. März nicht im Vordergrund – und waren dennoch allgegenwärtig. „Wir müssen mutiger werden – auch wenn wir nicht zu Protesten mit Traktoren nach Berlin fahren können“, forderte Michael Radau, Präsident des Handelsverbandes NRW. Und es gelte, Haltung zu zeigen. Bei Zöllen und geopolitischen Bedrohungen, bei den Handelsbeziehungen, insbesondere zu den USA und China, aber auch bei Hetze und Rassismus hierzulande. Das war eine Steilvorlage für den prominenten Gastredner des Abends, Peer Steinbrück, Ex-Bundesfinanzminister, Ex-NRW-Ministerpräsident und heute vor allem als Mitinitiator der „Initiative für einen handlungsfähigen Staat“ und Satiriker an der Seite von Florian Schroeder unterwegs. Seine Botschaft: „Der Maschinenraum des Staates muss renoviert werden.“ Das aktuelle „Geschäftsmodell“ des Landes funktioniere nicht mehr. Es müsse gegengesteuert werden, damit der gegenwärtige Erosionsprozess – „es sind viele weiße Elefanten im Raum, die nicht gestört werden wollen“ – nicht zu einem Demokratieproblem werde. Steinbrück wörtlich: „Wir haben kein Erkenntnis-, wir haben ein Umsetzungsproblem!“
So stand der diesjährige Empfang der Handelsverbände Nordrhein-Westfalen (HV NRW) und Nordrhein-Westfalen – Rheinland (HVR) unter ganz besonderen Vorzeichen. Auch 2025 bedeutete für zahlreiche Unternehmen im NRW-Einzelhandel ein schwieriges Jahr. Fast die Hälfte der Händlerinnen und Händler berichtete von rückläufigen Umsätzen. Die Ursachen für diese Entwicklung sind vielfältig. Neben steigenden Kosten für Energie, Personal und Mieten belastet vor allem die anhaltende Konsumzurückhaltung viele Unternehmen. Gleichzeitig befindet sich der Handel mittendrin in einem tiefgreifenden strukturellen Wandel: Digitalisierung, Plattformökonomie und neue Konsummuster verändern den Wettbewerb nachhaltig und signifikant. Zwar bleibt die wirtschaftliche Lage vieler Einzelhandelsunternehmen angespannt, doch bewusst setzte der Verband in diesem Jahr bei seinem Empfang einen anderen Schwerpunkt.
Gebraucht wird mehr europäisches Selbstbewusstsein
Statt also erneut über bekannte strukturelle Probleme zu sprechen, war das Thema „Haltung“ der rote Faden des Abends. Michael Radau, Präsident des HV NRW, zu Beginn seiner in diesem Jahr vergleichsweise sehr (geo)politischen Rede vor Vertreterinnen und Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Handel: „Ich könnte über die wichtige Funktion des Handels in der Gesellschaft sprechen. Ich könnte über Bürokratiekosten, Fachkräftemangel, Kaufzurückhaltung oder Energiekosten reden. Aber sind wir ehrlich: Darüber haben wir schon oft gesprochen – wir haben kein Erkenntnisproblem.“ Gerade vor dem Hintergrund globaler politischer und wirtschaftlicher Veränderungen brauche es mehr als die üblichen Warnungen und Forderungen. „Deshalb habe ich mich entschieden, heute über Haltung zu reden.“ Viele politische und wirtschaftliche Gewissheiten der vergangenen Jahrzehnte geraten derzeit ins Wanken. Radau verwies dabei auf zunehmende geopolitische Spannungen, eine veränderte Rolle der USA sowie den wachsenden Einfluss Chinas im globalen Handel – etwa durch Plattformen, Investitionen und Handelsbeschränkungen. Um diesen Entwicklungen zu begegnen, brauche es aus Radaus Sicht mehr europäische Geschlossenheit und Selbstbewusstsein. „Wir müssen schnellstmöglich eine europäische Kraft entwickeln“, so der Präsident des NRW-Handels. Radau machte Mut, weckte Zuversicht: Europa könne selbst zur starken Marke werden: „Warum machen wir nicht ,Aus Europa‘ zu einer neuen Qualitätskennzeichnung?“ Mit mehr Vertrauen innerhalb Europas und klaren wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sei sogar eine neue wirtschaftliche Dynamik möglich – eben „ein Wirtschaftswunder 2.0 für Europa, Deutschland und Nordrhein-Westfalen“. Dafür müsse man an allen Schaltstellen werben und diesen Spirit nach außen tragen.
Aktiv dazu beitragen, Demokratie zu erhalten
Neben wirtschaftlichen und geopolitischen Fragen nahm die Rede auch die gesellschaftliche Verantwortung von Wirtschaft und Zivilgesellschaft in den Blick. Radau betonte die Bedeutung einer stabilen, regelbasierten Demokratie – gerade in Zeiten wachsender politischer Polarisierung. „Unsere Demokratie ist mit Blick auf viele andere Länder immer noch eine der besten Gesellschaftsformen. Aber sie ist nicht selbstverständlich. Wir müssen aktiv dazu beitragen, sie zu erhalten.“ Er rief die Anwesenden im Saal dazu auf, im Alltag Haltung zu zeigen – etwa gegenüber Desinformation, Hetze oder extremistischen Positionen. Sein Appell: „Seien Sie Botschafter für unsere Demokratie und für verlässliche Fakten.“
Die Handelsverbände NRW und Rheinland wollten an diesem Abend bewusst einen Impuls setzen, der über die aktuellen wirtschaftlichen Herausforderungen des Einzelhandels hinausgeht. „Über wirtschaftliche Probleme sprechen wir regelmäßig und sehr konkret – mit der Politik, mit der Verwaltung und mit unseren Mitgliedern. Aber gerade in bewegten Zeiten braucht es auch Orientierung und eine klare Haltung“, betonte Dirk Wittmer, Vorstandsvorsitzender des HVR, in einer abschließenden Diskussionsrunde. Gerade in einer Phase tiefgreifender wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Veränderungen sei es wichtiger denn je, auf starke Partnerschaften und ein verlässliches Netzwerk bauen zu können. Der Handelsverband stehe genau für diese Verbindung aus Austausch, Interessenvertretung und gegenseitiger Unterstützung innerhalb der Branche.
Engagement im Handelsverband lohnt sich
Besonders hob Wittmer dabei das Engagement der vielen ehrenamtlich aktiven Händlerinnen und Händler in den regionalen Handelsverbänden hervor. Sie trügen maßgeblich dazu bei, dass die Anliegen des Handels sichtbar bleiben und die Branche eine starke Stimme gegenüber Politik und Öffentlichkeit behält. „Dieser Einsatz ist unverzichtbar“, so Wittmer. „Bitte tragen Sie diese Botschaft weiter: Engagement im Handelsverband lohnt sich – gerade auch für junge Unternehmerinnen und Unternehmer.“
Als Gastredner war Peer Steinbrück mit seiner Rede „Dimension der Zeitenwende: Reformkonsequenzen für Deutschland“ ganz bei sich. Bissig, zugespitzt und mit einem Schuss Ironie sprach Steinbrück mit klarer Kante über Fragen der Staatsmodernisierung (wenn bei ihm einer gut wegkommt, dann ist das Karsten Wildberger, der Bundesminister für Digitalisierung und Staatsmodernisierung mit MediaSaturn-Vergangenheit) und die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen. Steinbrück monierte, dass der Begriff „Zeitenwende“ von der Ampel-Koalition nicht für
eine „klare Ansage mit Konsequenzen für uns alle“ genutzt worden sei. „Wir haben eine Verdichtung von Problemen wie nie zuvor. Ich bin nicht sicher, ob das alle in Politik und Gesellschaft wirklich begriffen haben.“ Bei Michael Radau rannte er damit offene Türen ein. „Es ist zwei vor zwölf“, so der Präsident des HV NRW abschließend.
von Matthias M. Machan
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