Einmal im Jahr trifft sich das ostwestfälisch-lippische Einzelhandels-Parlament, bestehend aus den Orts- und Fachvorständen der Region, und diskutiert zunächst über Internes und über alles, was den Einzelhandel in Ostwestfalen-Lippe (OWL) bewegt. Im neuen Kurhaus in Bad Salzuflen begrüßte der Vorsitzende des Handelsverbandes OWL, Prof. Dr. Johannes Beverungen, am 16. Juni 2026 die Gäste, bevor Hauptgeschäftsführer Jan-Erik Weinekötter die aktuellen Zahlen des Handelsverbandes vorstellte. Die teilnehmenden Delegierten vertreten dabei einen Jahresumsatz von rund 12 Mrd. EUR in Ostwestfalen-Lippe.
Zum öffentlichen Teil der Veranstaltung kamen zahlreiche Gäste aus der Bezirksregierung, den Kreis- und Kommunalverwaltungen der Region, von befreundeten Verbänden und Partnern, Banken und Sponsoren, den Kammern, von Wirtschaftsförderungen bis zum Stadtmarketing hinzu. Insgesamt versammelten sich rund 100 Händler und Gäste zur Netzwerk-Veranstaltung des Handelsverbandes OWL, um sich über die Branche zu informieren und zu diskutieren.
Prof. Beverungen: „Die Verunsicherung bahnt sich ihren Weg.“
Am frühen Nachmittag eröffnete Prof. Dr. Johannes Beverungen den öffentlichen Teil der Veranstaltung mit einer Ansprache zur aktuellen Lage des Handels, u.a. mit zehn Kernforderungen des Handels an die Politik. Die täglichen – zum Teil erratischen – Meldungen trübten weiterhin die Stimmung der Verbraucher. „Da wird es für den Handel auch in unser wirtschaftsstarken Region OWL schwieriger, gut dazustehen“, so Beverungen. Mehr noch: „Das letzte ,normale‘ Handelsjahr war 2019. Seitdem bahnt sich die Verunsicherung ihren Weg.“
Im Fokus seiner Begrüßungsansprache standen vor allem Themen wie faire Wettbewerbsbedingungen sowie die Zukunft lebendiger Innenstädte als wichtige Orte für Versorgung, Begegnung und Lebensqualität. Auf zwei Forderungen ging der Vorsitzende detaillierter ein und berichtete vom jüngst verhängten Bußgeld in Höhe von 200 Millionen Euro der EU gegen den chinesischen Online-Anbieter Temu, der gegen zahlreiche EU-Regeln verstoße und nachweislich unsichere sowie gesundheitsgefährdende Produkte auf den europäischen Markt bringe. Besonders durch diese rechtlichen und regulatorischen Verstöße sei ein fairer Wettbewerb mit Drittstaatenanbietern nicht möglich. Auch in OWL geraten dadurch viele heimische Händler, die sich an geltende Gesetze und Steuervorgaben halten, zunehmend unter Druck.
Bei der zweiten Kernforderung ging es um den Erhalt der Innenstädte in der Region Ostwestfalen-Lippe, denn diese seien die wichtigsten Begegnungsstätten der Menschen überhaupt. „Wo sonst kommen so viele Menschen stetig und ständig zusammen?“, fragte der Vorsitzende. Und: „Der Einzelhandel ist das Rückgrat der Innenstädte.“ Deshalb müsse viel stärker als bisher der Fokus auf die zentralen Versorgungsbereiche gelegt werden. Ehrlicherweise sei das in den vergangenen Jahrzehnten eher weniger der Fall gewesen. Stattdessen wurde ständig darüber diskutiert, wieviel Verkaufsfläche denn noch außerhalb von Innenstädten angesiedelt werden kann. Beverungens Befund: „Unsere Innenstädte sind keine Selbstläufer. Sie stehen vor großen Herausforderungen. Geändertes Konsumverhalten, Kaufzurückhaltung angesichts eines gesamtwirtschaftlich schwierigen Umfeldes sowie der wachsende Einfluss des Onlinehandels fordern alle Innenstadtakteure heraus, unsere Zentren lebendig und attraktiv zu gestalten.“ Für seinen Vortrag erhielt der Vorsitzende großen Zuspruch und viel Applaus.
Die zehn Kernforderungen des Handels
- Mehr unternehmerische Freiheit und weniger Bürokratie
- Arbeitsmarkt stärken, Fachkräfte sichern und Tarifautonomie erhalten
- Innovationsfreundlichen Rechtsrahmen fördern
- Energiekosten senken: Stromsteuer und Netzentgelte für alle runter
- Fairer Wettbewerb mit Drittstaatenanbietern
- Europa strategisch ausrichten
- E-Ladeinfrastruktur bedarfsgerecht und nutzerfreundlich ausbauen
- Innenstädte vitalisieren
- Unternehmenssteuer reformieren
- Berichts- und Sorgfaltspflichten harmonisieren
„Mut ist das Wichtigste in der Politik.“
Dirk Tolkemitt, Bürgermeister der Stadt Bad Salzuflen, berichtete seinerseits über das städtische Engagement für Kur, Tourismus und Handel. „Mut ist das Wichtigste in der Politik, was es hierfür braucht, auch gerade bei schwierigen Entscheidungen vor Ort.“ Nur so könnten Ideen und wichtige Impulse vor Ort umgesetzt werden. Moderiert vom Hauptgeschäftsführer in Ostwestfalen-Lippe, Jan-Erik Weinekötter, folgte die Keynote von Frank Rehme, Handelsexperte, Strategieberater und Vordenker im Bereich Innovation und Zukunftsgestaltung im Handel, mit dem Titel „Aufbruch in die Zukunft: Wir brauchen mehr Mutausbrüche!“ Gespickt mit reichlich Fakten führte Rehme aus, dass Deutschland nach wie vor in Europa und auch weltweit spitze sei. „Ob drittgrößte Wirtschaftsmacht, größte Robotik-Dichte in der EU bis hin zum Hidden-Champion-Weltmeister“, zählte Rehme reichlich Belege dazu auf. Auch wenn es seiner Meinung nach immer noch zu viele Bedenkenträger gebe, lautet sein Credo stattdessen: „Loslegen, auch wenn man noch nicht genau weiß, was hinten dabei rauskommt!“ Damit wurde er seinem Vortragstitel mehr als gerecht. Von den Teilnehmenden konnte man bei den zahlreichen Netzwerkgesprächen viel Lob für die wertvollen Anregungen, die die Veranstaltung vermittelte, vernehmen.
